Spanien/Gran Canaria // Tourismus // Lesezeit 9 Minuten
Eine Feriendestination überzeugt, wenn das Gesamtpaket stimmt: Erlebnisse müssen berühren, Natur oder Kultur begeistern, die Anreise funktionieren und die Infrastruktur passen. Zudem gilt es, Gastfreundschaft zu leben sowie Erholung und Momente vor Ort zu schaffen. Clevere Touristiker haben längst erkannt, Erlebnisse in teilbare Geschichten zu übersetzen. Was zählt ist die Beweisführung in Form visuell starker Inhalte: Die Positionierung einer Destination entscheidet sich heute dort, wo Erlebnisse auffallen, zum Teilen animieren und digital andocken. Für Tourismusverantwortliche wird die Position im Gedächtnis der Kunden zunehmend zur wertvollsten Ressource. Denn Urlauber planen ihre Reisen über Künstliche Intelligenz, Instagram, TikTok und Pinterest. Die Zeiten, in denen Destinationen ganzseitige Magazinanzeigen schalteten, gehören ins Archiv der Nuller-Jahre. Als Goldnuggets gelten heute Augenblicke, die Emotionen auslösen, zum Teilen bewegen und beim Betrachter das Fernweh wecken.
Social Media treibt das Tourismusmarketing heute massgeblich an. Destinationen stehen dabei in einem permanenten Spannungsfeld zwischen Aufmerksamkeit und Authentizität. Als Motor wirkt dabei das Phänomen der «instagrammable experiences». Gemeint sind Aktivitäten oder Orte, die visuell so ansprechend und einzigartig gestaltet sind, dass sie Menschen dazu animieren, Fotos davon zu machen und diese auf Social Media zu teilen.
Social Media als Treiber der Destination Positionierung
Das Café ELLYZ in Athen veranschaulicht diesen Trend: Dieser Gastrobetrieb leuchtet und erblüht in voller Pracht, dient gezielt als Kulisse für Fotos und zieht Urlauber mit seiner Farbenpracht an. Die Gäste überrennen das kleine Lokal regelrecht – alle eifern dem Zusammenspiel von Licht, Farben und Einzigartigkeit nach und inszenieren das Resultat im Bild. Sobald der Post auf Social Media landet, bleibt abzuwarten, ob er sich viral verbreitet.
Anders als das von Menschenhand erbaute ELLYZ, vermarkten Feriendestinationen gerne Naturspektakel: Ob der permanent knallrosa leuchtende Lake Hillier in Australien, der atemberaubende Antelope Canyon in den USA oder die Salar de Uyuni in Bolivien, die als grösster Spiegel der Welt gilt – sie alle bieten die ideale Kulisse. Sie bewegen Millionen von Menschen zum Reisen und kurbeln die Wirtschaft ganzer Regionen an. Für die Destinations-Positionierung gilt heute: Wer nicht im Feed auftaucht und geteilt wird, verschwindet nahezu vom Markt.
Fallbeispiel Gran Canaria: Barranco de Las Vacas
Gran Canaria ist heute vor allem als ganzjährige Sonnen- und Freizeitdestination positioniert und entwickelt seine touristische DNA zunehmend in Richtung Gesundheit, Aktivität und Premium-Erlebnisse. Hier, habe ich einen dieser Natur-Hotspots entdeckt: den Barranco de Las Vacas. Das Naturschauspiel in der Gemeinde Agüimes verbirgt sich im Südosten der Insel und gilt noch immer als Geheimtipp. Über Jahrtausende hinweg formten Regenfälle das Gestein, liessen Wellen und Farben entstehen und schufen eine kurze Schlucht, die Besucher nach einem kurzen Spaziergang erreichen.

Solche Orte funktionieren heute nicht mehr nur als Sehenswürdigkeiten; sie werden zu touristischen Leuchttürmen, welche die Positionierung einer Destination sichtbar machen. Nicht ohne Grund vergleichen viele den Barranco de Las Vacas mit dem «Grand Canyon». Zwar reicht er an seinen grossen Bruder in den USA weder in der Länge noch in der Tiefe heran, doch die Gesteinsformationen faszinieren Fotografen, Einheimische und Gäste gleichermässig.
Besonders dann, wenn Sonnenstrahlen den Boden der Schlucht treffen, beginnt ein faszinierendes Spiel aus Licht und Schatten. Genau diese Momente verwandeln die Kulisse in einen mächtigen Botschafter der Destination. Dieser Ort mutiert so weg von der klassischen Sehenswürdigkeit und produziert stattdessen organischen, verkaufsfördernden Content.
Tourist Value Creation: Wenn Bilder zu Wertschöpfung werden
Sobald ein Post auf Social Media landet, beginnt die eigentliche Wertschöpfung: Die Bilder aus dem Barranco de Las Vacas transportieren Emotionen, Neugierde, bleiben im Gedächtnis haften und begeistern die Empfänger für eine Reise nach Gran Canaria. Professionell geführte Tourismusorganisationen haben diesen gesellschaftlichen Wandel längst durchschaut: Der Fokus verschiebt sich – weg von «Fotografiere eine Sehenswürdigkeit» hin zu «Erlebe etwas und erzähle die Geschichte dazu». Social Media wirkt damit nicht nur als Marketingkanal, sondern verstärkt die Wirtschaftskraft in der Region.
Dieser Trend harmoniert mit dem Wunsch vieler Reisender, die das Echte suchen und Massenströme meiden. «Slow Tourism», Naturerlebnisse und Entdeckungen gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig zeigt sich die Kehrseite: Manche Destination bremsen Hotspots inzwischen bewusst aus, weil viraler Erfolg schnell in «Overtourism» umschlägt. Damit verlagert sich die Aufgabe: Statt Besucher lediglich anzuwerben, beginnt die Herkulesaufgabe, Besucherströme intelligent zu lenken.
Grand Canyon als Benchmark für Destination Economy
Wie stark ikonische Naturkulissen die Wirtschaft beleben können, zeigt der Blick zum Vorbild in Übersee. Der Grand Canyon National Park zog 2024 rund 4,92 Millionen Besucher an und erwirtschaftete über eine Milliarde US-Dollar für die Region. Diese Größenordnung verdeutlicht, welchen Hebel Naturmonumente in Bewegung setzen können.
Natürlich wird der Barranco de Las Vacas niemals in die Dimensionen seines Vorbilds in den USA vorstoßen. Doch das Beispiel veranschaulicht, wie Naturerlebnisse Wert schaffen und den Tourismus ankurbeln. Nicht die Größe allein entscheidet über den Erfolg, sondern ob ein Ort Menschen begeistert, Erinnerungen verankert und Geschichten hervorbringt, die sich weitererzählen lassen.



Während auf Gran Canaria im Juni spürbar Ruhe einkehrt und viele Wintergäste längst in ihre Heimat zurückgekehrt sind, zeigt sich eine zentrale Herausforderung des Tourismus: die Abhängigkeit von saisonalen Nachfrageschwankungen. Davon betroffen sind vor allem Destinationen, die sich auf wenige Reiseanlässe konzentrieren. Anders verhält es sich bei Regionen mit einer klaren Positionierung. Sie erkennen frühzeitig die Zeichen der Zeit. Wer neben Klima und Landschaft zusätzliche Gründe für einen Besuch schafft – etwa durch Naturerlebnisse, Kulinarik, Kultur oder Gesundheitstourismus –, verteilt die Nachfrage breiter über das Jahr. Eine starke Destinationspositionierung ist deshalb weit mehr als Marketing. Sie schafft Resilienz, reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Saisonsegmenten und stärkt die regionale Wertschöpfung langfristig.
Eine starke Destinationspositionierung wirkt dabei wie ein Leuchtturm im Nebel. Während viele Orte im Grundrauschen austauschbarer Angebote verschwinden, sendet sie ein klares Signal an potenzielle Gäste. Sie schafft Orientierung, hebt die Destination vom Wettbewerb ab und sorgt dafür, dass Reisende auch außerhalb der klassischen Saison einen konkreten Grund für einen Besuch erkennen.
Overtourism, Social Media und fehlende Besucherlenkung
Umso mehr überrascht, wie man mit diesem Naturjuwel auf Gran Canaria umgeht: Wer zur Schlucht will, folgt einem Trampelpfad. Unten angekommen, erblicken Besucher Graffiti mit Botschaften wie «Tourist go home!». Und ausgerechnet dort, wo sich das beste Motiv für ein Foto bietet, häuft sich Müll, den Besucher zurückgelassen haben.
Die Mängel springen ins Auge: Es fehlt an Abfalleimern, Informationstafeln, Besucherlenkung und grundlegenden Sicherheitsmassnahmen, Besucher schützen. Stattdessen lässt man einen Ort, der den Tourismus enorm beflügeln könnte, weitgehend verkümmern.
Das wirft die Frage auf: Begreifen die Tourismus-Verantwortlichen der Kanaren überhaupt, was solche Naturerlebnisse wert sind? Können die spanischen Marketingfachleute nur Strand, Dünen und Palmen in ihrem Content wiederholen?
Aus Marketingsicht machen viele Tourismusorganisationen auch heute noch diese zentralen Fehler:
- Silos statt Full-Funnel: Es wird massiv in reine Reichweite und die Inspirationsphase investiert, während das reale Erlebnisdesign und eine intelligente Besucherlenkung vor Ort vernachlässigt werden. Die entscheidenden Phasen der Conversion und Retention – also die Buchung und die langfristige Kundenbindung – bleiben so auf der Strecke.
- Kanäle füttern statt Profile schärfen: Um den unersättlichen Algorithmus zu bedienen, produzieren viele Organisationen Content mit starkem Me-too-Charakter. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist eine klare, unverwechselbare Positionierung mit echter inhaltlicher Tiefe, die der Marke langfristig Profil verleiht.
- Den Analog-Trend verschlafen: Viele Organisationen ignorieren die wachsende Social-Media-Müdigkeit und das Bedürfnis nach einer digitalen Auszeit. Sie bewerben Orte weiterhin als reine Fotokulisse, statt Räume für unvollkommene, echte Erlebnisse zu schaffen.
- Mangelndes Erwartungsmanagement: Virale Hotspots werden digital gepusht, ohne dass die analoge Infrastruktur vor Ort Schritt hält, was zu Enttäuschung beim Gast und zu Overtourism führt.
Trends 2026: Social-Media-Müdigkeit, digitale Reizüberflutung wächst & analoges Reisen
Parallel zum Boom sozialer Medien erlebt das Reisen eine Renaissance des Analogen: Immer mehr Menschen beenden ihre Social-Media-Nutzung. Statt permanent erreichbar zu sein, sich selbst zu inszenieren und endlos zu scrollen, sehnen sie sich danach, Erlebnisse zu spüren, Menschen zu begegnen und digital abzuschalten. Authentizität, Achtsamkeit und bewusster Konsum überholen Likes, Reichweite und digitale Aufmerksamkeit. Dieser Wandel beschleunigt sich zusätzlich durch KI, welche Inhalte zwar perfektioniert, aber zugleich emotional entwertet.
Dabei fällt auf, wie sich dieser Trend im Jahr 2026 weiterentwickelt. Darin spiegelt sich der der Wandel der Gesellschaft: Der Trend des Jahres entschleunigt und verbindet Menschen wieder real. Man flieht vor FOMO (Fear of Missing Out) und geniesst JOMO (Joy of Missing Out) – also die Freude daran, das Smartphone einfach mal auszuschalten.
Die Sängerin Rosalía rät beispielsweise dazu, die Reizflut bewusst zu drosseln und das Smartphone gezielter zu nutzen, damit Konzentration, Kreativität und die Präsenz im Augenblick zurückkehren. Der Musiker Ed Sheeran geht noch einen Schritt weiter und verbannnt das Smartphone fast vollständig aus seinem Alltag. Aus seiner Sicht schadet Langeweile nicht, sondern befeuerte die Kreativität und erholt den Geist.
Für den Tourismus bahnt sich ein Wandel an. Im Mittelpunkt steht, den Moment zu leben statt zu posten – und Orte zu entdecken, die sich nicht hinter einem Bildschirm einsperren lassen.
KI verändert Destination Positionierung zusätzlich
Gefragt sind Destinationen, die berühren, inspirieren und Raum bieten, damit Menschen Erfahrungen machen können. Sie möchten Landschaften spüren statt konsumieren, Menschen begegnen statt Programmpunkte abhaken und Erinnerungen sammeln, die das eigene Leben bereichern und nicht den Algorithmus füttern.
Dieser Entwicklung kann künstliche Intelligenz nichts entgegenhalten. Denn während KI die Reiseplanung automatisiert, Inhalte standardisiert und die visuelle Kommunikation vereinheitlicht, behaupten sich Erlebnisse, die durch Ecken und Kanten auffallen, könnten zum nächsten Quantensprung in der Destinationspositionierung werden.
Neue Anforderungen an Tourismusmarketing (Full Funnel Perspective)
Sollte sich der Trend zum analogen Reisen weiter verstärken, gewinnt im Tourismusmarketing der Inhalt endgültig die Oberhand über die Reichweite. Während das digitale Profil wichtig bleibt, entscheidet sich der Wettbewerb künftig nicht mehr über die Masse an Content, der produziert oder perfekt inszeniert wird, sondern darüber, wie klar sich eine Destination thematisiert und welche Erlebnisse sie bietet.
Die Werbung auf Postkarten hat ausgedient. Der Tourismus erlebt ein Stück weit ein Back to the Roots – allerdings digital verstärkt: Destinationen, die Erfolg haben wollen, bauen eine Erlebnisarchitektur auf, die den gesamten Marketing-Funnel durchzieht. Die Positionierung verschiebt sich dabei entlang der gesamten Customer Journey:
- Inspiration Phase (Impuls): Hier regieren Reize, die das Auge ansprechen. Social Media und Influencer wecken die Sehnsucht. Die Destination muss im Feed sofort emotional catchen.
- Consideration Phase (Abwägen): Aus dem Impuls erwächst konkretes Interesse. Jetzt zählen Geschichten, die tiefgründen, Inhalte, die überzeugen, und Vertrauen, das man aufbaut, um Reisende zu gewinnen.
- Conversion Phase (Buchung & Erleben): Vor Ort entscheidet, wie sich das Erlebnis gestaltet. Eine Infrastruktur, die reibungslos funktioniert, und eine Besucherlenkung, die klug steuert, lösen das gegebene Versprechen ein.
- Retention Phase (Kundenbindung): Nach der Reise beginnt vor der Reise. Wenn Erinnerungen nachwirken, animiert das die Gäste dazu, Content selbst zu produzieren und Geschichten zu teilen – wodurch sie selbst zu Botschaftern der Destination werden.
Wer im Tourismus Kaufentscheide nachhaltig auslösen will, muss den Gast auf jeder Stufe des Trichters mit einer Erlebniswelt begleiten, die digital wie real ineinandergreift. Die Sonne scheint morgen für diejenigen, die heute die richtigen Entscheidungen gefällt haben.
Ist dein Unternehmen eines von vielen oder das besondere Eine? Melde dich für unseren kostenlosen Positionierungs-Newsletter an und lass dich inspirieren. Jeden Monat analysieren wir Best Practices (wie die Herausforderungen des Schweizer Wintertourismus oder die Welt des besonderen Brots von El Fornet de la Soca.) und zeigen dir die konkreten Learnings für dein Marketing.
Fazit: Wie das Tourismusmarketing zwischen Algorithmus und Analog-Trend navigiert
Der Barranco de Las Vacas zeigt exemplarisch, vor welcher Herausforderung nicht nur Destinationen, sondern auch Unternehmen und Marken stehen. In einer Welt, in der Algorithmen Inhalte vervielfachen, künstliche Intelligenz Kommunikation standardisiert und Aufmerksamkeit zur knappen Ressource wird, entscheidet nicht die lauteste Botschaft über den Erfolg, sondern das Erlebnis dahinter.
Menschen folgen heute Erfahrungen, die sie berühren, überraschen oder inspirieren. Genau deshalb gewinnt Positionierung an Tiefe: Sie entsteht nicht mehr primär durch Kommunikation, sondern durch Erlebnisse, die Geschichten auslösen und Gespräche in Gang setzen.
Die Gewinner von morgen verkaufen weder Produkte noch Destinationen. Sie agieren als Pioniere einer neuen Erlebnisökonomie. Sie schaffen Momente, die Menschen freiwillig weiterertragen. Genau an diesem Punkt treffen sich Tourismus, Markenführung und Unternehmenspositionierung.
Fakten zum Best Practice:
Gran Canaria Tourismus
Calle Triana 93
35002- Las Palmas de Gran Canaria
T: +34 928 219 600

Spannender und fundierter Fachbeitrag mit einer klaren These und hohem Praxisbezug. Besonders überzeugend ist die Verbindung von Positionierung, Social Media und realem Reiseerlebnis am Beispiel des Barranco de Las Vacas. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Tourismusmarketing auf Gran Canaria regt zum Nachdenken an und macht deutlich, dass erfolgreiche Destinationen heute nicht nur Reichweite, sondern vor allem authentische Erlebnisse und eine konsequente Besucherlenkung benötigen.