Graubünden/Schweiz // Tourismus // Lesedauer: 6 inspirierende Minuten
Graubünden erstickt im Verkehr. Das liegt kaum am Übernachtungsgast, denn sechs von zehn Hotelzimmer stehen leer. Die Bevölkerung übt den Aufstand: Eine Petition gegen Transit- und Ausweichverkehr hat innert weniger Tage mehr als 11’000 Unterschriften gesammelt. In populären Destinationen wie St. Moritz, Davos Klosters, Engadin, Arosa Lenzerheide oder Flims Laax Falera drängen sich an Spitzentagen die Gäste. Und trotzdem beträgt die jährliche Bruttozimmerauslastung im Kanton gerade einmal 40 Prozent. Wie passt das zusammen? Haben wir zu viele Tagesgäste und zu wenige Übernachtungsgäste? Sind wir zu gut erreichbar? Wo verdient der Bündner Tourismus Geld?
Die Reisebranche hat in Graubünden eine lange Tradition. Die spektakuläre Bergwelt lockt im Winter Skifahrer und Snowboarder an, im Sommer Wanderer und Biker. 2025 übernachteten über fünf Millionen Gäste in den Bündner Hotels. Rekord. Die Branche erwirtschaftet über 840 Millionen Franken im Logement und rund 170 Millionen Franken in der Gastronomie. Es ist das stärkste Einzelsegment in der Bündner Reisebranche.

60 Prozent der Hotelzimmer bleiben leer
Vielleicht liegt der Grund für diese vielen übers Jahr leerstehenden Betten in der Gästestruktur? Schweizer Gäste bilden das stabile Rückgrat des alpinen Fremdenverkehrs. Sie bleiben auch bei wirtschaftlichen Krisen oder ungünstigen Wechselkursen treu, haben eine hohe Kaufkraft und nutzen das vielfältige Ganzjahresangebot der Region. Brauchen wir mehr ausländische Gäste für warme Betten?
Oder darf die Bündner Politik ihre Ausgaben für den Verkehr drosseln? Jahr für Jahr fliesst ein dreistelliger Millionenbetrag in das Bündner Strassennetz. Es entsteht der Eindruck: Egal ob VW oder Škoda; der Bündner Gipfel muss man mit dem Auto erreichbar bleiben. Wieso also ein Hotelzimmer bezahlen, wenn ich abends wieder bequem nach Hause fahren kann? Diese Philosophie hat Konsequenzen: An Spitzentagen verstopfen Autos die Zufahrten, Parkplätze werden knapp und die Strassen zum Nadelöhr. Investiert die Bündner Regierung dort am meisten, wo die grösste touristische Wertschöpfung entsteht? Oder dort, wo die sichtbarsten politischen Interessen liegen?
Öffnen wir eine weitere Sichtweise: Haben wir tatsächlich ein Gästeproblem? Oder vielmehr ein Bettenproblem? Denn Hotels, die über Jahre mit einer tiefen Auslastung kämpfen, fehlt irgendwann das Geld für Renovationen, Modernisierungen und neue Angebote. Statt immer neue Betten zu schaffen, könnte deshalb eine andere Strategie gefragt sein: weniger Betten, dafür bessere. Weniger Masse, dafür mehr Wertschöpfung.
Ist der Tagesgast der unbequeme Tourist?
Und jetzt kommt der Tagesgast ins Spiel. Morgens mit dem Auto in die Berge. Wandern, Biken, oder Wintersport. Abends wieder nach Hause. Er kommt und fährt wieder. Im Idealfall kauft er ein Bergbahnticket, mietet Sportausrüstung und testet das kulinarische Angebot am Berg. Die Bergbahn ist längst Generalunternehmerin und bietet Full-Service an: Transport, Gastronomie und Handel spülen Geld in die Kasse des Unternehmens. Die Bündner Bergbahnen erzielen eine Bruttowertschöpfung von knapp 500 Millionen Franken. Das ist halb so viel wie die Hotellerie. Eines haben beide Branchen gemeinsam: Das Wintergeschäft ist der Hauptumsatzbringer.
Diese Art der Wertschöpfung öffnet eine grundsätzliche Frage: Wie viel touristischen Verkehr hält eine Region aus, wenn die lokale Bevölkerung den Nutzen davon nur teilweise sieht? Die Strassen sind öffentlich. Ihre Finanzierung ebenfalls. Gast und Bahnunternehmen profitieren. Ein Teil der touristischen Mobilitätskosten wird auf die Allgemeinheit überwälzt, die vom touristischen Konsum nichts hat. Das kann langfristig nicht funktionieren.
Overtourism mitten im Alpenparadies
Wenn wir über Overtourism sprechen, denken wir an Venedig, Barcelona oder Amsterdam. Graubünden hat eine andere Variante davon: Verkehrsmassen auf den Zufahrtsstrassen, gefördert vom Tagestourismus. Eine kürzlich lancierte Petition gegen Transit- und Ausweichverkehr hat innerhalb kürzester Zeit mehr als 11’000 Unterschriften gesammelt. Ein fulminanter Weckruf an den Tourismus. Und an die Politik.
Offiziell richtet sich die Petition gegen den Transit- und Ausweichverkehr. Der Zusammenhang mit der Reisebranche ist offensichtlich: Die Probleme eskalieren an schönen Wochenenden, Feiertagen und in Ferienzeiten. Dann, wenn besonders viele Tagesgäste unterwegs sind. Verstopfte Strassen, Abgase und stehende Kolonnen blockieren Dorfstrassen und stellen die Geduld der Einwohnerinnen und Einwohner auf eine harte Probe. Ein Kontrast zur Schöne-Welt-Hospitality mit Blumenwiesen, Bergseen und zauberhafte Alpenpanorama.
Was passiert, wenn plötzlich der Verursacher bezahlt?
Wer soll das Schlamassel lösen? Die Antwort ist einfach: Bund, Kanton oder Gemeinden sollen das Problem lösen. Mit Dosiersystemen, Fahrverboten, Verkehrslenkung oder zusätzlicher Infrastruktur. Bezahlen soll’s die Allgemeinheit. Mit Steuergeld. Wenn die alpine Bergregion gezielt möglichst viele Tagesgäste mit dem Auto anlockt, warum sollte die Allgemeinheit die daraus entstehenden Kosten vollständig tragen? Man könnte das Prinzip umdrehen. Nach dem Verursacherprinzip.
So wie bei den Polizeikosten bei Grossveranstaltungen in Kantonen wie Bern oder Zürich; hier bezahlen Veranstalter von Risikosportveranstaltungen (z.B. Fussballspielen) eine Kostenbeteiligung an den Polizeieinsätzen rund um das Stadion. Wird so etwas salonfähig im Kanton Graubünden? Das wäre eine fundamentale Veränderung. Die Frage wäre dann nicht mehr: Wie bekommen wir noch mehr Menschen auf den Berg? Sondern: Welche Gäste wollen wir? Welchen Wert erzeugen sie für die Region?
Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr Gäste
Vielleicht müssen wir den Tourismus neu denken. Nicht als Massengeschäft, das zur Belastungsprobe für die Bevölkerung wird. Mit diesem Geschäftsmodell sind wir auch nicht konkurrenzfähig; zu hoch sind die Kosten (z. B. Miete) sowie die Rahmenbedingungen (z. B. Mindestlöhne) im Vergleich zum grenznahen Ausland. Ein Umdenken verändert die heutige Positionierung: Adieu Skifahren für alle, willkommen in der hochwertigen, wertschöpfungsorientierten Beherbergungs- und Freizeitwirtschaft. Nicht mehr möglichst viele Gäste, sondern die richtigen Gäste – mit mehr Wertschöpfung pro Gast und weniger Belastung für Raum, Infrastruktur und Bevölkerung. In dieser Welt zählen nicht mehr Anzahl Gäste und Reichweite sondern:
- Ausgaben pro Gast
- Restaurantausgaben
- Ausgaben im Detailhandel
- Wellness und Gesundheit
- Bergbahnen
- Events
- Aufenthaltsdauer
- Wiederkehrer
- ÖV-Anteil
- lokale Wertschöpfung pro Gast

Dann würde sich unser Bild vom erfolgreichen Tourismus vermutlich ziemlich schnell verändern. Ein Hotel mit 40 Prozent Auslastung und zahlungskräftigen Gästen kann wirtschaftlich interessanter sein als eines mit 70 Prozent Auslastung, dessen Gäste kaum Geld im Ort ausgeben. Kleinere Bergbahnen müssten nicht mehr wie heute mit Millionen Franken Steuergeld gerettet werden, um vermeintlich – so die Argumente einzelner Lokalpolitiker – ein ganzes Dorf vor dem Untergang zu retten.
Die Anzahl Gäste ist eine Mengenkennzahl. Wertschöpfung ist eine Qualitätskennzahl.
Der Tagesgast könnte sogar zum besten Gast werden
Der Tagesgast muss kein Problem sein. Er könnte sogar Teil der Lösung werden, sofern das Tourismusmanagement seine Bewegungen gezielt steuert.
Stell dir vor: Du kaufst morgens eine Bergbahntageskarte. Am Nachmittag kannst du diese Karte im Ort – oder irgendwo im Kanton – einlösen: für einen Apéro, ein Dessert, einen zusätzlichen Gang im Restaurant, einen Kaffee, einen Rabatt im Detailhandel oder ein kleines Geschenk beim Verkehrsverein. Warum? Weil du dadurch länger bleibst und später abreist. Das entschärft die Verkehrsspitze, bringt Frequenz und damit Wertschöpfung ins Dorf oder in die Stadt. Der Gast fährt später nach Hause. Nicht um 16 Uhr, gemeinsam mit Tausenden anderen Autos.
Aus einem Verkehrsteilnehmer wird ein Wertschöpfungsteilnehmer.
Das ist Tourismusmanagement: nicht mehr Gäste um jeden Preis, sondern mehr Wert aus den vorhandenen Gästen. Das entschleunigt Verkehrsprobleme, lässt die lokale Bevölkerung am Tagesgast profitieren und schlussendlich gewinnen viele Unternehmen an einem Gast statt nur ein Unternehmen an vielen Gästen. Schluss mit Silodenken. Im Endeffekt eine Charmoffensive.
Welche Massnahmen helfen, den Tagesgast länger im Ort zu halten. Diskutiere mit! Abonniere den Newsletter und lass die Konkurrenz im Rückspiegel!
Fazit: Graubünden braucht keine grössere Reisewirtschaft
Tagesgäste sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Aber sie bringen im Vergleich zu Übernachtungsgästen weniger Einnahmen und verursachen gleichzeitig Belastungen für die Infrastruktur. Wenn Margen nicht steigen, bleibt Null-Wachstum. Was bleibt ist Massenzuwachs und eine zunehmend unzufriedene Bevölkerung. Eine Gefahr für den Tourismus, denn wenn Gäste als Störfaktor betrachtet werden, haben wir ein fundamentales Problem für die Marke Graubünden.
Statistisch gesehen profitieren heute 75 % der Bündnerinnen und Bündner nicht von Tagesgästen. Sie finanzieren aber die Strassen, auf denen der Tagesgast ans Ziel gelangt. Und erdulden den Gestank, Lärm und Einschränkungen, die der zusätzliche Verkehr mit sich bringt. Bis Redaktionsschluss dieses Artikels sagen über 11’000 Stimmen: Uns reicht’s. Wir haben genug vom Verkehr!
Wir haben eine der schönsten Ferienregionen Europas. Natur, Infrastruktur, Tradition, Kulinarik und Marken mit internationaler Strahlkraft. Overtourism ist nicht unser grundsätzliches Problem. Vielleicht ist es Under-Monetisation. Was fehlt, ist eine konsequente Strategie, aus Nachfrage lokale Wertschöpfung zu machen. Sollen wir uns wirklich über jeden zusätzlichen Gast freuen? Oder sollten wir anfangen, uns über jeden zusätzlichen Franken zu freuen, der im Dorf bleibt?
Denn der beste Tourist ist nicht zwingend derjenige, der kommt.
Der beste Tourist ist derjenige, der kommt, bleibt, konsumiert und gerne wiederkommt.
Bilder und Infos zur Region:
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