Der kleine Maulwurf und die Kunst, seit 70 Jahren das zu schaffen, woran moderne Marken scheitern

Prag/Tschechoslowakei // Unterhaltung // Lesedauer inspirierende 5 Minuten

Jüngst zog ich durch Prag. Ein Blitzaufenthalt. Wollte ein wenig Kultur genießen, gut essen und ein paar Inspirationen sammeln. Kurz: ein entspannter Aufenthalt. Die Altstadt am östlichen Ufer der Moldau ist wunderschön. Zwischen Gotik, Barock und Renaissance reihen sich Cafés, Wirtshäuser und Bierhallen an charmante Boutiquen. Genau hier gab es ein Wiedersehen, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ich war geflasht. In einem Schaufenster lächelte mich jemand an, den ich gefühlt seit 40 Jahren nicht mehr gesehen hatte: Der kleine Maulwurf. Klein. Schwarz. Mit roter Nase. Mit drei Haaren auf dem Kopf. Er hat ein stärkeres Markenprofil als so manches Unternehmen mit 500 Mitarbeitenden.

Für Sekunden war ich nicht mehr in Prag. Ich reiste in meine Kindheit zurück. Hockte vor dem Fernseher. Ein Drei-Käse-Hoch, der die so spärlich ausgestrahlten Kindersendungen anbetete. Klingt skurril? Ist es nicht. Als ich fünf Jahre alt war, existierten nur öffentlich-rechtliche TV-Sender wie ZDF, ARD und ORF. Es gab keine privaten Stationen, die konkurrenzierten, und auch keine Kindersender, die die Jüngsten unterhielten. Es war die Zeit vor dem Aufbruch in die Sendervielfalt. Wir gehörten zu einer Generation, die Marken noch durch Knappheit kennenlernte. Dazu gehörte auch Der kleine Maulwurf.

Zurück im Hotel lässt mich die Neugier nicht los. Ich öffne den Laptop und mache mich auf Spurensuche. Woher stammt diese Figur? Aus der Tschechoslowakei? Ich haue in die Tasten. Beginne zu recherchieren. Was ich las, war mir neu. Dieser Trickfilmheld ist nicht einfach eine Kindheitserinnerung. Er besitzt Kultstatus.

Ohne Worte. Weltweit verstanden.

Die erfolgreichsten Sympathieträger entstehen oft aus einer Mischung aus Zufall, Zeitgeist und kreativer Intuition. So auch Der kleine Maulwurf: 1957 stolperte der Prager Zeichner Zdeněk Miler über einen Maulwurfshügel. Es war die Geburtsstunde eines Geschöpfs, das von Tschechien aus Kinderherzen in mehr als 80 Ländern eroberte.

Sein Erfolgsprinzip war dabei erstaunlich modern: Zero Language Friction. Krtek – so sein tschechischer Originalname – spricht nicht, sondern kommuniziert mit Lachen, Seufzen und Glucksen. Damit entfällt die Sprachbarriere. Und mit ihr ein großer Teil der Komplexität von Übersetzung und Lokalisierung. Was vor Jahrzehnten aus kreativer Intuition entstand, ist heute ein Prinzip globaler Markenführung: Der Verzicht auf Worte öffnet Grenzen.

Der kleine Maulwurf saß in einem Schaufenster in der Altstadt von Prag und lächelte mich an – ich war absolut geflasht, als ich Krtek dort entdeckte.

Der kleine Maulwurf ist längst im Pensionsalter. Dennoch scheffelt er Jahr für Jahr Millionen. Als tschechischer Exportschlager, ähnlich Škoda, Bata oder Pilsner Urquell, hat sich dieser pelzige Freund zur Marke von globaler Strahlkraft entwickelt, inklusive eigenem Social-Media-Auftritt (Facebook, YouTube). Bücher, Spielzeug, Kleidung und zahlreiche Lizenzen bilden ein vielseitiges Geschäftsmodell. Miler illustrierte mehr als 40 Bücher, seine rund 50 Trickfilmepisoden wurden international ausgestrahlt. Auch nach seinem Tod 2011 blieb diese Zeichengestalt ein begehrtes Lizenzprodukt. Der jahrelange Streit um die Rechte zeigt, welchen wirtschaftlichen Wert die Brand inzwischen besitzt.

Starke Marken müssen nicht laut werden

Heute konkurrieren mehr Marken denn je um unsere Aufmerksamkeit. Was Ende der 90er noch wenige tausend Werbereize pro Tag waren, ist mit Internet, Social Media und Smartphone auf ein Vielfaches angewachsen. Feeds, Algorithmen, Influencer und Videos erzeugen ein permanentes Grundrauschen. In diesem Umfeld besteht Krtek, der seit fast 70 Jahren auf Anhieb erkannt wird. Seine wenigen, konsequenten Markencodes reichen aus. 

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion für Marken: Nicht jede Brand muss ständig neue Funken schlagen. Schluss mit flüchtigem Content-Rauschen. Erkennt meine Zielgruppe meine Marke? Damit sind wir mitten in der Brand Strategy:

Sei erkennbar.
Eine starke Marke braucht kein Logo, um erkannt zu werden. Die geschwungene Silhouette des Porsche 911 spricht für sich, und bei den markanten Zacken der Toblerone weiß jeder Schokoladenliebhaber sofort, was vor ihm liegt. Auch unser Erdwühler braucht weder Wortmarke, Claim noch Erklärungen: Drei Haare, eine rote Nase, schwarze Knopfaugen – und wir wissen Bescheid. Wenn eine Marke nur dann wiedererkannt wird, wenn ihr Logo danebensteht, hat sie noch Luft nach oben. 

Sei fühlbar.
Menschen erinnern sich selten an Werbebotschaften oder technische Datenblätter. Sie erinnern sich daran, was eine Marke in ihnen auslöst. Wenn Volvo in seinen Spots nicht über PS spricht, sondern echte Überlebende von Autounfällen zeigt, braucht es keine Argumentationskette mehr. Das Gefühl von Sicherheit ist sofort spürbar. Funktioniert ohne Slogan.

Sei einfach.
In einer Welt, in der Marken immer mehr erzählen, posten und erklären, wird Einfachheit zum echten Wettbewerbsvorteil. Der kleine Maulwurf verzichtet auf Worte und wird überall verstanden – egal ob in Prag, Zürich, Berlin oder Tokio. Das gleiche Prinzip nutzt McDonald’s auf seinen Plakaten: Oft reicht ein Ausschnitt der gelben Bögen auf rotem Grund – ganz ohne Text, Logo oder Burger. Jeder weiß sofort, was gemeint ist. Braucht es hier wirklich noch mehr Content?

Die beste Formel für den Mittelstand? Eine starke Marke braucht keinen riesigen Etat. Sie muss es schaffen, den Menschen im Gedächtnis zu bleiben und ihnen ans Herz zu wachsen.

Der kleine Maulwurf in allen Varianten gibt's in Prag in vielen Souvenirshops.

Fazit: Was Der kleine Maulwurf uns über starke Marken lehrt.

Wenn wir in unserem Unternehmen die nächste Strategiesitzung zum Thema Marken und Markenführung abhalten, sollten wir uns mal wieder zurücklehnen und uns fragen: Brauchen wir wirklich noch mehr Kommunikation, noch mehr Content und noch mehr Komplexität – oder fehlt uns schlicht der Mut zur Reduktion?

Starke Marken entstehen nicht durch ständige Neuerfindung, sondern durch sture Konsistenz. Sie leben von wenigen, unverwechselbaren Markencodes. Farben, Formen, Sounds, Symbole oder Verhaltensweisen, die sich über Jahre und Märkte hinweg wiederholen. So lange, bis sich Vertrautheit einstellt. Und wenn bei uns das Gefühl aufkommt, dass unsere Marke langweilig wird, dann – und erst dann – wird sie langsam von der Zielgruppe wahrgenommen.

Der kleine Maulwurf zeigt, was passiert, wenn eine Marke konsequent auf das Universelle setzt: Seine visuelle Identität funktioniert ohne Übersetzung, seine Geschichten ohne Sprachbarrieren, seine Emotion unabhängig vom Markt. Was damals aus gestalterischer und erzählerischer Konsequenz entstand, würde man heute als radikal effiziente Markenstrategie beschreiben.

Branding braucht nicht mehr. Es braucht das Richtige. Und vor allem den Mut, den Rest wegzulassen. Denn wenn eine Marke nach fast 70 Jahren noch immer einen direkten Zugang zu unserem Gedächtnis und unseren Emotionen findet, ist das mehr als Wiedererkennbarkeit.

Das ist Marke.

Mehr Bilder gibt’s auf Instagram.

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