Roflaschlucht in Graubünden: 5 Franken Eintritt – Geheimtipp oder wird hier ein touristisches Erlebnis unter Wert verkauft?

Graubünden/Schweiz // Tourismus // Lesedauer: 6 inspirierende Minuten

Graubünden in der Schweiz kann Natur: Berge, Seen, Schluchten und mittendrin einen Canyon, den du unbedingt auf dem Radar haben solltest: die historische Roflaschlucht im Naturpark Beverin, zwischen den Bergdörfern Splügen und Andeer. Hier baut das Wasser seit Jahrtausenden an seiner eigenen Kathedrale. Der Hinterrhein fräst sich durch Fels, schleift Strudeltöpfe und gräbt Strömungsrillen. Meterhohe Felswände ragen empor, Bäume krallen sich in den Stein, Sonnenlicht schafft es kaum bis hinab zum smaragdgrünen Wasser. Am Ende des Weges donnert ein Wasserfall ins Tal. Das Beste: Kein Touristen-Zirkus. Der Eintrittspreis beträgt bescheidene fünf Schweizer Franken. Eigentlich viel zu wenig für so viel rohe Naturgewalt. Und definitiv zu wenig für das perfekte Ferienfoto!

Die geografische Schlucht heisst «Roflaschlucht», das Hotel und die touristische Marke treten hingegen als «Rofflaschlucht» auf, deshalb verwende ich im Text bewusst beide Schreibweisen.

Ein flacher Horizont, kilometerweite Felder und Windmühlen – aus dieser Welt kommt Anneke: reiseerfahren, stoisch und 80 Jahre jung. Es ist August, die Sonne lacht und die Berge locken. Wir lenken unser Auto zum historischen Gasthaus Rofflaschlucht. Kaum leuchten die roten Bremslichter eines ausparkenden Wagens auf, setzen wir den Blinker und schnappen uns eines der letzten Parkfelder. Das Lokal brummt. Mittagszeit. Anneke steigt aus, blickt auf und erstarrt. Kein flaches Land, nur aufragender Fels. Reflexartig: Smartphone gezückt, Auslöser gedrückt, Motiv im Kasten. Ich schmunzle. 80 Jahre Lebenserfahrung und ein Berg bringt ihre Welt aus dem Gleichgewicht.

Der Felsenweg durch die Roflaschlucht misst rund 300 Meter. Zugang gibt’s an der Biertheke des 1639 erbauten Gasthauses. Ein Fünflieber (Kinder drei Franken), bar auf die Kralle und vorbei an jedem Kassensystem. Da bekommt der Begriff «flüssiges Kapital» eine ganz neue Bedeutung. Kein Wunder, dass Anneke lacht. Zu Recht? Vor über 100 Jahren, um 1914, kostete der Eintritt an gleicher Stelle einen Franken. Um heute die gleiche Menge an Konsumgütern und Dienstleistungen zu kaufen, bräuchte man dafür rund 11.10 Franken. Gemessen am Goldwert entspräche der damalige Franken heute sogar rund 22 bis 24 Franken. Ist der Eintrittspreis zu günstig oder stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis?

Geschichte der Roflaschlucht: Ein Verzweiflungsakt von Christian Pitschen-Melchior

Wir starten mit einem Zeitsprung. Der erste Raum erzählt von früher: Dunkles Holz zieht sich über Wände und Decke, der Steinboden knirscht unter den Schuhen. Von den Wänden blicken der Erbauer des Felsenwegs und seine Ehefrau aus ihren Holzrahmen auf dich herab. Das Abenteuer kann starten. 

Kaum stehen wir im Freien – der eigentliche schmale Pfad liegt noch vor uns –, stoßen wir auf zwei Grabsteine. Es sind die Ruhestätten von Maria (1869–1941) und Christian Pitchen-Melchior (1862–1940), den Erbauern des Felsenwegs. Die Geschichte der beiden Bündner beginnt mit wirtschaftlicher Not – und endet mit einer Touristenattraktion. 

Die Ruhestätten von Maria (1869–1941) und Christian Pitchen-Melchior (1862–1940), den Erbauern des Felsenwegs der Roflaschlucht.

Rückblick: Am 1. Juni 1882 öffnet der Gotthardtunnel. Der Transit verlagert sich von der Strasse auf die Schiene; wo früher Postkutschen, Fuhrwerke und Säumer Reisende und Waren über die Alpen transportierten, bricht der Betrieb ein und raubt den Anwohnern die Lebensgrundlage. Existenznot trieb das Paar um 1890 in die USA. Dort entdeckt Christian die Niagarafälle. Er sieht mehr als Wasser, Fels und Getöse. Er sieht ein Geschäftsmodell. Menschen reisen weit, um Natur zu bestaunen. Das Paar kehrt nach Graubünden zurück und übernimmt das elterliche Gasthaus. Christian setzt seine Idee um. 1907 greift er zum Sprengstoff.Sieben Jahre lang bohrt und sprengt er sich durch den harten Fels. 8’000 Sprenglöcher später steht ein schmaler Felsenweg unter dem Wasserfall, der bis heute Familien ernährt.

Wandern in der Roflaschlucht: Wasserfall, Felsenweg und Naturerlebnis

Nach wenigen Schritten erreichen wir die Klippe. Gut gesichert, öffnet sich die Aussicht auf die gegenüberliegenden Felswände: wenige Bäume, spärliches Grün und viel Stein. Aus der Tiefe dringt das Tosen des Rheins empor und wirbelt einen feuchten, modrigen Duft herauf. Der Weg schlängelt sich weiter Richtung Wasser – mit festem Schuhwerk ein müheloser Spaziergang. Dass dieser Weg nicht barrierefrei ist, liegt auf der Hand.

Nach 20 Metern geben die Tannen den Blick zum Wasserfall frei. Unser Ziel. Anneke ist beeindruckt: «Mijn God, welch ein Anblick!» Tief in der Schlucht leuchten die Fluten in einem magischen Türkisgrün, als hätte jemand Tinte im Fels vergossen. Der Wasserfall donnert, schäumt und reisst das Wasser ins Tal. Felswände ragen auf und ziehen Anneke die Gänsehaut über die Arme. Ich schmunzle. Hat sie in ihren 80 Jahren schon etwas Vergleichbares gesehen? Kaum.

Vor uns frisst sich der Pfad in die Wand. Der Durchbruch zeugt von purer Pionierarbeit. Vor über 100 Jahren in Handarbeit aus dem Stein geschlagen. Jeden Meter zollte Christian Schweiß: Meissel für Meissel ins harte Gestein. Bei eisiger Kälte und sengender Hitze bohrte der Visionär tausende Sprenglöcher. Die Schufterei hallt bis heute durch den Stein. Wir passieren Tunnel und Arkaden. Staunen über Tannen, deren Wurzeln Felsen umarmen wie einen alten Freund. Wasser tropft von der Decke. Das Tempo bricht ein; das Smartphone zwingt zum Dauerstopp. Die Kulisse diktiert den Takt. Wenige Gäste kreuzen den Weg, schlendern entspannt, staunen stumm. Einzig die Fellnasen an der Leine marschieren unbeeindruckt an uns vorbei, als wäre das hier nur ein weiterer Gassigang.

Noch ein paar Meter. Die Schlucht zieht sich zusammen, die Felsen rücken näher. Dann stehen wir vor dem Ziel. Der Hinterrhein stürzt einige Meter in ein rundes Becken. Das Wasser sammelt sich, wird ruhig und leuchtet türkis. Unser Weg führt unter den Wasserfall auf eine Sackgasse. 15 Minuten Weg und Jahrtausende Erdgeschichte liegen vor uns. Kein Architekt hätte diesen Bauplan entwerfen können. Die Natur hat geschliffen und gegraben. Uns ein beeindruckendes Naturschauspiel offeriert. Und sie arbeitet weiter, selbst dann, wenn wir längst vergessen sind. 

USA verkauft sowas als Blockbuster, hier wird’s als B-Movie gehandelt

Mein Besuch in der Felsengalerie Roffla war für meinen Gast ein Erlebnis. Für mich ebenso. Wie ich später feststellen durfte, ist sie auch ein Instagram-Spot. Rund 300 Meter Felsenweg, verbunden mit einer grossartigen Geschichte. Amerika würde daraus einen Blockbuster machen. Denn die Story ist grossartig – so wie die Geschichten vieler visionärer Köpfe, die der Bergkanton einst hervorbrachte: HolsboerBadrutt und die Pitschen-Melchiors machten aus der Not eine Tugend. Sie bauten Schienen in die Einsamkeit, entdeckten Marktnischen und meisselten sich jahrelang durch Felsen. Für sie bedeutete Marketing: machen, riskieren, ausprobieren. Die Pioniere von damals griffen zum Dynamit. Und was tun wir heute? Wir greifen zur PowerPoint. Erst wird analysiert, dann diskutiert, dann budgetiert – und irgendwann … passiert nichts. Roffla lehrt uns: Gute Geschichten entstehen nicht im Sitzungszimmer. Sie entstehen dort, wo jemand den ersten Schlag wagt.

15 Minuten Weg, jahrtausendealte Erdgeschichte – und eine Kasse, die sich mit einem müden Fünfliber zufriedengibt. Der Rofla-Felsenweg ist ein geschäftliches Goldnugget, das weit unter Wert verkauft wird. Während internationale Destinationen wie der Grand Canyon ihre Naturwunder vergolden (Eintritt für ein Paar mit Auto: 235 Dollar), begnügt man sich in Graubünden mit Romantik und Bescheidenheit. Das ist sympathisch, aber ökonomisch fahrlässig. Denn Rofla zeigt stellvertretend, was vielen Schweizer Perlen fehlt: der Mut zur echten Marke.

Früher griffen sie zum Dynamit. Heute greifen wir zu PowerPoint.

Das Gasthaus Roffla wird in sechster Generation geführt. Vielleicht sitzt man schon zu lange auf dem Schatz, um noch zu sehen, dass er Gold wert ist. Es kommt, was kommt. Schade. Das Gesamtangebot wäre ein gefundenes Fressen für Social Media. Statt es einfach zu inszenieren, überlässt man die Bühne Fremden – ungefragt. Alleine das tolle Gästebuch am Empfang, wo sich jeder Besucher eintragen kann, gehört auf Instagram; soll doch die ganze Welt erfahren, wie toll dieser Ort ist, oder?!

Das Internet, so scheint es, ist der dunkle Wald, in den man besser nicht hineingeht. Zumindest, was den eigenen Webauftritt angeht. Direct-Design aus den tiefsten Nullerjahren, in ein Baukastensystem gezwängt. Wahrscheinlich reicht das für die Sommermonate, denn das Angebot gibt’s von Mai bis Oktober. Und für diese kurze Zeit scheinen die paar Einträge auf den touristischen Plattformen wie Viamala Tourismus, Graubünden Ferien oder Schweiz Tourismus zu genügen.

Hotel und Restaurant sind wie ein Diamant: Die Ausgangslage müsste funkeln, doch sie bleibt im Schatten. Das Angebot scheint auf alle abzuzielen – und erreicht damit letztlich niemanden. Das Heilmittel heisst: klare Positionierung. Restaurant und Hotel wären aufgrund der Bausubstanz bei SWISS HISTORIC HOTELS bestens aufgehoben. Die Geschichte liefert das Nostalgie-Konzept gleich mit. Warum nicht zurück ins Jahr 1900? Zimmer, die an die Zeit der Postkutschen, Fuhrwerke und Säumer erinnern. Einfach wohnen, entschleunigen, eintauchen. Im Restaurant kommt auf den Teller, was die Region hergibt; Bio aus dem Garten, Fisch aus der Schlucht. Liebe, die durch den Magen geht. Das perfekte Gegenstück zu Pommes, Burger und Berner Rösti, die hier niemand vermissen müsste.

Und zuletzt: Storytelling und Merchandising. Ich meine nicht nur das bekannte Kinderbuch «Die Geschichte vom Wasserfall», aus den 1970er-Jahren von Margret Rettich. Ich meine eine Neuinszenierung der Roffla-Welt. Inspiriert von J. R. R. Tolkiens «Der Hobbit», wo fleissige Zwerge den Bergbau betreiben. Die mystische Welt dieses Ortesliefert Stoff für eine eigene Fantasiewelt. Und für alle, die diese Idee kopfschüttelnd wegkicken: Disney hat längst verstanden, dass ein Erlebnis dann richtig Umsatz macht, wenn es im Koffer nach Hause reist. Dieses Naturmonument wurde einst von Amerika inspiriert. Holt Amerika zurück. Denkt grösser. Denn wenige Autominuten entfernt wartet die grosse Schwester Viamala. Auch dort stürzt der Fels spektakulär in die Tiefe. Doch eines fehlt dort: die Geschichte. Und genau darin liegt der Unterschied. Die Roflaschlucht hat alles, was eine Marke braucht: einen Pionier, einen Sprengmeister, ein Gasthaus, eine Geschichte und einen Weg, den ein Mensch von Hand in den Berg schlug.

Das ist kein Ausflugsziel.

Das ist eine Marke, die darauf wartet, gebaut zu werden.

Ist der Rofla-Fünflieber sympathische Tradition – oder fahrlässige Markenentwertung? Was Tourismus aus einem Naturerlebnis machen kann, zeigen wir im Newsletter. Diskutiere mit!

Die Geschichte in Bilder gibt’s auf Instagram.

Hotel Rofflaschlucht
Italienische Strasse 100
7440 Andeer
T +41 81 661 11 97
E-Mail: hotel@rofflaschlucht.ch
Internet

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